Kapitel 1

Von der unberührten Natur zur Ordnung

1. Die Schöpfung

Die Elemente Wasser, Luft und Erde formen das Land. In den Alpen bilden Fels und Eis raue Schönheit, die Flüsse bahnen sich ihren Weg. Zusammen mit Almen, Wiesen und Wäldern werden sie zum Lebensraum Österreich.

2. Die ersten Spuren

Der Mensch betritt die „Weltbühne“ und hinterlässt seine ersten Spuren. Aus Pfaden werden Wege, die West und Ost verbinden, Nord und Süd. Das Land wird zum Raum der Erkundung und zur Quelle des Überlebens.

3. Die Wege zum Gipfel

Seine Wege führen den Menschen aus der Ebene auch hinauf auf die Gipfel. Das Streben nach oben als uralte Sehnsucht der Menschheit. Eine Sehnsucht nach Freiheit und Weite. 

4. Das Niederlassen

Der Mensch wird sesshaft. Dort, wo er Schutz und Nahrung findet, entstehen die ersten Siedlungen. Die Gemeinschaft sichert das Überleben. Er beginnt, Tiere zu halten. Die Domestizierung verändert das Verhältnis von Mensch und Tier grundlegend.

5. Die Erde untertan machen

Der Mensch lernt, die Erde zu bestellen und gibt dem Landschaftsbild damit eine neue Prägung. Er lernt weiter, dem Rhythmus der Natur für das eigene Überleben zu folgen. Unwetter und Schädlinge bedeuten Hunger, gute Ernten bedeuten Nahrungsüberschuss und Überleben.

6. Der Aufbau

Territorien werden in Besitz genommen oder erobert – auch durch andere Kulturen. Diese hinterlassen nicht nur steinerne Spuren in Form von Bauwerken, sondern bringen auch neue Kulturtechniken mit wie etwa den Weinbau.Die Ansiedlungen werden größer und komplexer und verlangen nach Ordnung, Regeln und neuen Strukturen. 

7. Die Machtsymbole

Gesellschaftliche Ungleichheit zeigt sich in Bauwerken wie Burgen und Schlössern. Macht und Reichtum hinterlassen steinerne Spuren in der Landschaft – sichtbar von weitem, imposant und einschüchternd. Die Architektur wird zum Werkzeug der Herrschaft und zum Zeichen gesellschaftlicher Hierarchie. 

8. Die Kulturlandschaft

Durch sein Tun und seine Lebensweise prägt der Mensch Kulturlandschaften und verändert damit nachhaltig das Landschaftsbild. In der Wachau entsteht durch den Weinbau eine neue Kulturlandschaft, die so einzigartig ist, dass sie im Jahr 2000 von der UNESCO auf die Liste der Welterbestätten aufgenommen wird.

9. Das Spirituelle

Jenseits des Materiellen hat das Spirituelle seinen Raum. Sakrale Bauwerke entstehen nicht nur als Zeugnisse des Glaubens, sondern verbinden symbolisch das Diesseits mit dem Jenseits. Zugleich sind sie steingewordener Ausdruck kirchlicher Macht. 

10. Die Siedlungen

Die Besiedelung wird dichter und bringt neue Strukturen hervor. Märkte entwickeln sich zu Städten wie Wien oder Salzburg. Auch wenn sie organisch wachsen und damit keinem architektonischen Gestaltungsprinzip folgen, kreieren sie mit ihren Bauwerken, Straßen und Plätzen faszinierende neue Raumkonzepte.

11. Die gestaltete Schönheit

In den Gärten des Barocks muss sich die Natur dem Ordnungswillen des Menschen beugen. Mathematik, Symmetrie oder Geometrie werden herangezogen, um den scheinbaren Triumph des menschlichen Geistes über das Wesen der Natur darzustellen. Hier finden sich alle Elemente des Barocks und ihres Lebensgefühls – sinnlicher Genuss, größtmögliche Opulenz und mathematische Strenge.

12. Die imperiale Pracht

In der kaiserlichen Residenz Schloss Schönbrunn spiegelt sich der Anspruch auf absolute Herrschaft und Weltgeltung des Habsburgerreiches wider. Architektur und Gartenkunst verschmelzen hier zu einem Gesamtkunstwerk imperialer Repräsentation. Die Natur wird zur Bühne für die Inszenierung menschlicher Macht.

13. Die graphische Formensprache

Auch bei der Gestaltung seines ländlichen Lebensraumes kreiert der Mensch organisch anmutende Strukturen. Besonders im Winter, wenn Schnee und Schatten die Konturen schärfen, lassen sich einzigartige neue Muster erkennen.

14. Die Metropole

Eine römische Siedlung am Ufer der Donau wächst zur Metropole Wien, die in Folge ein Weltreich regiert. Aus dem römischen Legionslager Vindobona wird über Jahrhunderte eine der großen Haupt- und Residenzstädte Europas. Wien verknüpft Ost und West, Kunst und Politik, und strahlt weit über seine Grenzen hinaus.

15. Das Vergnügen

Was einst den Machthabern vorbehalten war, ist nun für alle gesellschaftlichen Schichten erreichbar – Freizeitvergnügen. Arbeit sichert nicht mehr das bloße Überleben, sondern ist Grundlage von Wohlstand, der in Zeit und Geld zum Ausdruck kommt. Die Freizeitlandschaft wird zum neuen Abbild gesellschaftlichen Fortschritts.

Kapitel 2

Der Fortschritt hat seinen Preis

16. Die Energie des Wassers

Die Lebensweise des Menschen benötigt immer mehr Energie, unter anderem aus Wasser. Kraftwerke ermöglichen es, sie zu nutzen und sind Zeugnisse menschlichen Fortschritts sowie Symbol der jeweiligen Epoche wie etwa das Kraftwerk Kaprun, welches nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Österreichs verkörperte.

17. Die Energie der Luft

Windräder werden erfunden, um den Wind zu ernten und seine Energie nutzbar zu machen. Im Burgenland oder Weinviertel werden große Windparks angelegt, um den wachsenden Energiehunger von Industrie und Haushalten zu stillen.

18. Die Netze

Stromleitungen werden zu Lebensadern einer energiehungrigen Gesellschaft. Ein technisches Nervensystem durchzieht das Land. Es bedeutet Wohlstand ebenso wie Abhängigkeit und bildet eine zentrale Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliches Funktionieren.

19. Das Fundament

Durch Ausbeutung von Ressourcen wächst die Industrie. Bergbau, Forstwirtschaft und Rohstoffgewinnung hinterlassen tiefe Wunden im Antlitz der Erde. Was einst unberührt war, wird zu Rohstoff – der industrielle Fortschritt hat seinen Preis.

20. Die Bewegung

Mit der Erfindung der Dampfmaschine und in Folge der Eisenbahn steht nun ein neues Mittel zur Verfügung, das Transport und Verbindung schafft. Eisenbahnstrecken und Autobahnen durchziehen das Land. Sie verbinden einstmals isolierte Regionen. Mobilität wird zum Versprechen der Moderne, Entfernung verliert ihre Bedeutung. 

21. Die Verdichtung

Aus „mehr“ wird „immer mehr“. Mehr Menschen erfordern mehr Nahrung erfodern mehr Transport erfordern mehr Konsum. Die Spirale des Wachstums dreht sich schneller, und der morgige soll stets den heutigen Überfluss übertreffen.

22. Die Verfügbarkeit

Ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit werden zum Kennzeichen der Überflussgesellschaft. Sie durchdringen den Alltag als verführerisches Versprechen, dass alles stets in Reichweite liegt. So werden sie zum Taktgeber eines Lebens, das kaum noch Geduld kennt.

23. Die Enge

Die Räume werden enger. Wohnraum wird knapper, die Siedlungen dichter. Ackerflächen müssen eine steigende Zahl von Menschen versorgen. Auch rücken Naturlandschaft und Siedlungsraum immer weiter zusammen. Ballungsräume wachsen rund um Wien und andere Landeshauptstädte. 

Kapitel 3

Vom Größenwahn zur Zerstörung

24. Die Sünden

Aus Genug wird Zuviel, aus Fülle wird Überfluss, Größenwahn und Anmaßung drücken der Natur ihren Stempel auf. Die einstige alpine Idylle wird zur Projektionsfläche wirtschaftlicher Interessen. Lebensraum und Ressourcen, die Generationen lang als unerschöpflich galten, erweisen sich als begrenzt. Der Mensch gelangt an seine Grenzen und muss beginnen, für seine Ausbeutung zu zahlen. 

25. Die Beschleunigung

Die Dinge geraten immer mehr aus den Fugen, zunehmende Geschwindigkeit wird zum rasenden Tempo. Der Klimawandel, die Überfischung der Meere oder das Schmelzen der Gletscher zeigen: Der Planet kann nicht mehr Schritt halten. Selbst wenn manche Entwicklungen in Österreich in viel kleinerem Maßstab stattfinden, spiegeln sie im Kleinen doch den weltweiten Wahnsinn wider. 

26. Die Zerstörung

Die einstige Utopie wird zur Dystopie, das Leben zum Kampf: Mensch versus Natur und Mensch versus Mensch. Aus Gier beutet der Mensch die Natur aus und schlägt Wunden, deren Folgen jahrzehntelang sichtbar bleiben. Mit seinesgleichen verfährt er genauso. Erster und Zweiter Weltkrieg hinterlassen Narben in der Geschichte Österreichs.

Kapitel 4

Das Wunder der Natur – die Magie des Wassers

27. Der Neubeginn

Aus dem tiefsten Dunkel erwächst ein neuer Morgen. Licht und Farbe als Versprechen eines neuen Anfangs.

28. Der Zauber der Gletscher

Gletscher formen die Landschaft über Jahrtausende hinweg. Sie bewahren das Gedächtnis vergangener Zeiten im ewigen Eis. In ihrer langsamen Bewegung verbinden sie Beständigkeit und Wandel. Auch wenn sie in ihrer majestätischen Größe Unvergänglichkeit verkörpern, täuscht dieser Eindruck. Denn das ewige Eis war in der Geschichte der Erde nie von Dauer, sondern ebenfalls einem Auf und Ab unterworfen.

29. Die Magie des Wassers

Wasser ist das universale Element, das Leben ermöglicht. Sein Zauber liegt in der Vielfältigkeit seiner Erscheinungsformen: sanft als Regen, reißend als Fluss, zart als Wolken, hart als Eis. Es zeigt sich in ganz verschiedener Gestalt und besitzt ebenso verschiedene Funktionen.

30. Die Faszination der Schichten

Mit der Höhe der Berge wechseln Vegetation, Fels und Eis und vereinen sich zum natürlichen Spiel. Schichten von Gestein erzählen von der Tiefe der Zeit. Jede Lage bewahrt Spuren von Veränderung und Entwicklung. Dadurch wird die Landschaft zum sichtbaren Archiv ihrer eigenen Geschichte. 

31. Der Reiz der Verwandlung

Wasserfälle verwandeln die Stille der Berge in tosenden Klang. Und selbst wandelt sich das Wasser dabei von der Flut zur Gischt und von der Gischt zum Nebel. Im unaufhörlichen Fall verbindet es Höhe und Tiefe, Quelle und Mündung, verbirgt seine gewaltige Kraft hinter der Anmut der Bewegung.

32. Das Spiel der Spiegelungen

Spiegelungen verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Spiegelungen im Wasser spielen mit den Sinnen: was eben noch unten war ist jetzt oben und umgekehrt. Der persische Dichter Rumi schrieb vor hunderten Jahren: „Lass den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln, auf dass die Erde zum Himmel werden möge.“ Ein ruhiger, klarer See spiegelt seine Umgebung unverfälscht wider. So wird Wasser auch zu einem Symbol für innere Ruhe und die Stärke, die aus Klarheit entsteht. 

33. Die Unendlichkeit der Vielfalt

Kein Gewässer gleicht dem anderen, ein wild dahin sprudelnder Hochgebirgsbach besitzt einen ganz anderen Charakter als ein gemächlich dahinziehender Fluss in der Ebene. Die Pflanzenvielfalt an den Ufern verstärkt das Gefühl von unendlicher Verschiedenheit. Im Duett mit der Jahreszeit zeigen sich weitere neue Facetten. Der Winter schenkt der Landschaft andere Bilder als der Sommer. 

34. Die allumfassende Weite

Die Weite ist das große Ja, der Raum aller Möglichkeiten, der Ort für Leben, an dem die Liebe ihren Ursprung hat. Vielleicht aber ist es auch umgekehrt: Die Liebe schafft Weite und damit Leben.