Kapitel 1

Von der unberührten Natur zur Ordnung

Die Schöpfung

Die Elemente Wasser, Luft und Erde formen das Land. In den Alpen bilden Fels und Eis raue Schönheit, die Flüsse bahnen sich ihren Weg. Zusammen mit Almen, Wiesen und Wäldern werden sie zum Lebensraum Österreich.

Die ersten Spuren

Der Mensch betritt die „Weltbühne“ und hinterlässt seine ersten Spuren. Aus Pfaden werden Wege, die West und Ost verbinden, Nord und Süd. Das Land wird zum Raum der Erkundung und zur Quelle des Überlebens.

Die Niederlassungen

Der Mensch wird sesshaft. Dort, wo er Schutz und Nahrung findet, entstehen die ersten Siedlungen und damit Keimzellen einer vielschichtigen Kulturlandschaft. Jahrtausende später werden nur noch Überbleibsel vom Leben und Überleben in dieser Zeit erzählen. 

Die Viehzucht

Der Mensch beginnt, Tiere zu halten. Die Domestizierung verändert das Verhältnis von Mensch und Tier grundlegend. Auch das Landschaftsbild der Almen und der Ebenen erhält durch Viehzucht eine neue Prägung.

Die Erde untertan machen

Der Mensch lernt, die Erde zu bestellen. Getreide, Gemüse, Obst werden zu Nahrungsquellen. Er lernt weiter, dem Rhythmus der Natur für das eigene Überleben zu folgen. Unwetter und Schädlinge bedeuten Hunger, gute Ernten bedeuten Nahrungsüberschuss und Überleben.

Der Aufbau

Die landwirtschaftlichen Siedelungen werden größer und komplexer. Die wachsenden Ansiedlungen verlangen nach Ordnung, Regeln und neuen Strukturen. Österreich formt sich als Geflecht regionaler Zentren mit eigener Prägung.

Die Machtsymbole

Gesellschaftliche Ungleichheit zeigt sich in Bauwerken wie Burgen und Schlössern. Macht und Reichtum hinterlassen steinerne Spuren in der Landschaft – sichtbar von weitem, imposant und einschüchternd. Die Architektur wird zum Werkzeug der Herrschaft und zum Zeichen gesellschaftlicher Hierarchie. 

Die Kulturlandschaft

Durch sein Tun und seine Lebensweise prägt der Mensch Kulturlandschaften und verändert damit nachhaltig das Landschaftsbild. In der Wachau entsteht durch den Weinbau eine neue Kulturlandschaft, die so einzigartig ist, dass sie im Jahr 2000 von der UNESCO auf die Liste der Welterbestätten aufgenommen wird.

Das Spirituelle

Jenseits des Materiellen hat das Spirituelle seinen Raum. Sakrale Bauwerke entstehen nicht nur als Zeugnisse des Glaubens, sondern verbinden symbolisch das Diesseits mit dem Jenseits. Zugleich sind sie steingewordener Ausdruck kirchlicher Macht. 

Die Siedlungen

Die Besiedelung wird dichter und bringt neue Strukturen hervor. Märkte entwickeln sich zu Städten wie Wien oder Salzburg. Auch wenn sie organisch wachsen und damit keinem architektonischen Gestaltungsprinzip folgen, kreieren sie mit ihren Bauwerken, Straßen und Plätzen faszinierende neue Raumkonzepte.

Die gestaltete Schönheit

In den Gärten des Barocks muss sich die Natur dem Ordnungswillen des Menschen beugen. Mathematik, Symmetrie oder Geometrie werden herangezogen, um den scheinbaren Triumph des menschlichen Geistes über das Wesen der Natur darzustellen. Die Natur wird zur Bühne degradiert, auf der sich die Herrschenden inszenieren können.

Die imperiale Pracht

In der kaiserlichen Residenz Schloss Schönbrunn spiegelt sich der Anspruch auf absolute Herrschaft und Weltgeltung des Habsburgerreiches wider. Architektur und Gartenkunst verschmelzen hier zu einem Gesamtkunstwerk imperialer Repräsentation. Hier finden sich alle Elemente des Barocks und ihres Lebensgefühls – sinnlicher Genuss, größtmögliche Opulenz und mathematische Strenge.

Die Formen

Bei der Gestaltung der Landschaft kreiert der Mensch faszinierende neue Muster und Strukturen. Aus der Vogelperspektive offenbaren sich geometrische Muster, die eine eigene ästhetische Qualität besitzen. Besonders im Winter, wenn Schnee und Schatten die Eindrücke zusätzlich verstärken, lassen sich einzigartige neue Formationen erkennen.

Die Metropole

Eine römische Siedlung am Ufer der Donau wächst zur Metropole Wien, die in Folge ein Weltreich regiert. Aus dem römischen Legionslager Vindobona wird über Jahrhunderte eine der großen Haupt- und Residenzstädte Europas. Wien verknüpft Ost und West, Kunst und Politik, und strahlt weit über seine Grenzen hinaus.

Das Vergnügen

Was einst den Machthabern vorbehalten war, ist nun für alle gesellschaftlichen Schichten erreichbar – Freizeitvergnügen. Arbeit sichert nicht mehr das bloße Überleben, sondern ist Grundlage von Wohlstand, der in Zeit und Geld zum Ausdruck kommt. Die Freizeitlandschaft wird zum neuen Abbild gesellschaftlichen Fortschritts.

Kapitel 2

Der Fortschritt hat seinen Preis

Die Energie des Wassers

Die Lebensweise des Menschen benötigt immer mehr Energie, unter anderem aus Wasser. Kraftwerke ermöglichen es, sie zu nutzen und sind Zeugnisse menschlichen Fortschritts sowie Symbol der jeweiligen Epoche wie etwa das Kraftwerk Kaprun, welches nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Österreichs verkörperte.

Die Energie der Luft

Windräder werden erfunden, um den Wind zu ernten und seine Energie nutzbar zu machen. Im Burgenland oder Weinviertel werden große Windparks angelegt, um den wachsenden Energiehunger von Industrie und Haushalten zu stillen.

Die Netze

Stromleitungen werden zu Lebensadern einer energiehungrigen Gesellschaft. Ein technisches Nervensystem durchzieht das Land. Es bedeutet Wohlstand ebenso wie Abhängigkeit und bildet eine zentrale Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliches Funktionieren.

Das Fundament

Durch Ausbeutung von Ressourcen wächst die Industrie. Bergbau, Forstwirtschaft und Rohstoffgewinnung hinterlassen tiefe Wunden im Antlitz der Erde. Was einst unberührt war, wird zu Rohstoff – der industrielle Fortschritt hat seinen Preis.

Die Bewegung

Jahrtausendelang konnten Distanzen nur mit Hilfe von Wasser, Wind oder der Kraft von Tier oder Mensch überwunden werden. Mit der Erfindung der Dampfmaschine und in Folge der Eisenbahn steht nun ein neues Mittel zur Verfügung, das Transport und Verbindung schafft.

Die Verbindungen

Eisenbahnstrecken und Autobahnen durchziehen das Land. Sie verbinden einstmals isolierte Regionen. Mobilität wird zum Versprechen der Moderne, Entfernung verliert ihre Bedeutung. Österreich wird zum Transitland und zur Drehscheibe zwischen Ost und West. 

Die Verdichtung

Aus „mehr“ wird „immer mehr“. Ballungsräume wachsen rund um Wien und andere Landeshauptstädte. Landschaft und Siedlungsraum rücken enger zusammen. Die Spirale des Wachstums dreht sich schneller, und der morgige soll stets den heutigen Überfluss übertreffen.

Die Verfügbarkeit

Ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit werden zum Kennzeichen der Überflussgesellschaft. Sie durchdringen den Alltag als verführerisches Versprechen, dass alles stets in Reichweite liegt. So werden sie zum Taktgeber eines Lebens, das kaum noch Geduld kennt.

Der Preis

Lebensraum und Ressourcen, die Generationen lang als unerschöpflich galten, erweisen sich als begrenzt. Der Mensch gelangt an seine Grenzen und muss beginnen, für seine Ausbeutung zu zahlen. Neue Wohnformen müssen gefunden werden. Kosten und Nutzen stehen Dichte und Enge gegenüber.

Kapitel 3

Vom Größenwahn zur Zerstörung

Die Sünden

Aus Genug wird Zuviel, aus Fülle wird Überfluss, Größenwahn und Anmaßung drücken der Natur ihren Stempel auf. Die einstige alpine Idylle wird zur Projektionsfläche wirtschaftlicher Interessen. Doch ökologische und soziale Kosten werden immer größer, die Natur antwortet mit Extremereignissen. Sie ist und bleibt stärker als der Mensch.

Die Beschleunigung

Die Dinge geraten immer mehr aus den Fugen, zunehmende Geschwindigkeit wird zum rasenden Tempo. Der Klimawandel, die Überfischung der Meere oder das Schmelzen der Gletscher zeigen: Der Planet kann nicht mehr Schritt halten. Selbst wenn manche Entwicklungen in Österreich in viel kleinerem Maßstab stattfinden, spiegeln sie im Kleinen doch den weltweiten Wahnsinn wider. 

Die Zerstörung

Die einstige Utopie wird zur Dystopie, das Leben zum Kampf: Mensch versus Natur und Mensch versus Mensch. Aus Gier beutet der Mensch die Natur aus und schlägt Wunden, deren Folgen jahrzehntelang sichtbar bleiben. Mit seinesgleichen verfährt er genauso. Erster und Zweiter Weltkrieg hinterlassen Narben in der Geschichte Österreichs.

Kapitel 4

Das Wunder der Natur – die Magie des Wassers

Die Magie des Wassers

Wasser ist das universale Element, das Leben ermöglicht. Sein Zauber liegt in der Vielfältigkeit seiner Erscheinungsformen: sanft als Regen, reißend als Fluss, zart als Wolken, hart als Eis. Es zeigt sich in ganz verschiedener Gestalt und besitzt ebenso verschiedene Funktionen – es nährt als Regen, es zerstört als Flut, es kühlt als Eis oder treibt an als Dampf. 

Der Zauber der Gletscher

Gletscher formen die Landschaft über Jahrtausende hinweg. Sie bewahren das Gedächtnis vergangener Zeiten im ewigen Eis. In ihrer langsamen Bewegung verbinden sie Beständigkeit und Wandel. Auch wenn sie in ihrer majestätischen Größe Unvergänglichkeit verkörpern, täuscht dieser Eindruck. Denn das ewige Eis war in der Geschichte der Erde nie von Dauer, sondern ebenfalls einem Auf und Ab unterworfen.

Die Faszination der Schichten

Mit der Höhe der Berge wechseln Vegetation, Fels und Eis und vereinen sich zum natürlichen Spiel. Schichten von Gestein erzählen von der Tiefe der Zeit. Jede Lage bewahrt Spuren von Veränderung und Entwicklung. Dadurch wird die Landschaft zum sichtbaren Archiv ihrer eigenen Geschichte. 

Die Kraft der Klarheit

Reines Wasser ist Grundvoraussetzung für Gesundheit und Überleben. Was für Geschenke reine Bäche und Flüsse sind, wird häufig übersehen und als Selbstverständlichkeit angenommen. Ein ruhiger, klarer See spiegelt überdies seine Umgebung unverfälscht wider. So wird Wasser zu einem Symbol für innere Ruhe und die Stärke, die aus Klarheit entsteht. 

Die Unendlichkeit der Vielfalt

Das Wasser zeigt sich in der Natur nicht nur in vielfältigen Erscheinungsformen, sondern auch in vielfältiger Umgebung, kein Gewässer gleicht dem anderen, ein Hochgebirgsbach besitzt einen anderen Charakter als ein Bach in der Ebene, die Pflanzenvielfalt am Ufer des Neusiedlersees ist eine andere als am Ufer des Hallstättersees.

Das Spiel der Spiegelungen

Spiegelungen verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Spiegelungen im Wasser spielen mit den Sinnen: was eben noch unten war ist jetzt oben und umgekehrt. Der persische Dichter Rumi schrieb vor hunderten Jahren: „Lass den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln, auf dass die Erde zum Himmel werden möge.“

Die allumfassende Weite

Die Weite ist das große Ja, der Raum aller Möglichkeiten, der Ort für Leben, an dem die Liebe ihren Ursprung hat. Vielleicht aber ist es auch umgekehrt: Die Liebe schafft Weite und damit Leben.